Das Wasserschloss Schweiz vor neuen Herausforderungen

Bei der Förderung der Wasserkraft spitzt sich auf globaler Ebene der Nutzungskonflikt zwischen Energiesicherheit und Gewässerschutz zu. Sauberes Wasser als Ressource wird immer knapper. Dies war das Hauptthema des diesjährigen Eco-Natur-Kongresses.

Charles Cahans

Wasser ist Lebens- und Erholungsraum, ist Energiequelle und Lebensmittel, dient als Verkehrsweg, ist für Reinigungszwecke und für die Landwirtschaft unersetzlich. «Kein anderer Lebensraum wurde im letzten Jahrhundert derart stark beeinträchtigt wie unsere Gewässer – nun drohen negative Folgen durch die Übernutzung», sagte Thomas Vellacott, CEO des WWF Schweiz, am Eco-Natur-Kongress in Basel Ende März. Vom Mikroorganismus bis zum Menschen ist die ganze Nahrungskette auf Wasser angewiesen. Die Abflussmenge unserer Flüsse wird in den kommenden Jahren stärker schwanken als bisher, dazu kommt die Klimaerwärmung mit Folgen wie etwa der Gletscherschmelze. Es ist absehbar, dass diese Entwicklung zu Konflikten zwischen Ökologie, Trinkwasser- und Energienutzung führen wird. Der Klimawandel wird Wasser saisonal und regional auch in der Schweiz zu einem kostbaren und knappen Gut machen. Eine Auseinandersetzung mit den Herausforderungen und Möglichkeiten unserer Wasser-Zukunft ist dringend nötig, denn die Klimaeinflüsse und besonders der Wasserhaushalt werden die Schweiz besonders stark treffen. Teiche und Seen müssen daher vielseitiger und zu verschiedenen Zwecken genutzt werden, beispielweise für die landwirtschaftliche Bewässerung, für Reinigungszwecke, für Industriewasser und die Trinkwasserversorgung.

Mehrzweckspeicher sichern Wasser- und Energieversorgung
Die Schweiz wird das «Wasserschloss Europas» genannt. Dabei wird knapp der vierfache Jahresniederschlag in Seen, Grundwasser, Stauseen, Gletschern und Flüssen gespeichert. Hierzulande liefern 200 Speicherbecken, meistens Stauseen 30 Prozent des Stromverbrauchs und regulieren zudem die Wasserläufe. Durch den Ausbau bestehender Speicher und den Neubau von weiteren Mehrzweckspeichern kann für zukünftige Wasserbedürfnisse vorgesorgt werden. Zusätzlich würde damit auch ein wesentlicher Beitrag zum Hochwasserschutz geleistet. Ebenfalls können die bestehenden Seen als Speicher genutzt werden, jedoch ist die Entnahme in Trockenzeiten problematisch und die benötigten Pumpen verbrauchen viel Energie. In Zukunft werden anstelle von Gletschern neue Seen entstehen. Sogenannte Mehrwegspeicher haben sich in verschiedenen Ländern bewährt, indem sie abnehmende Gletscher und Schneeschmelzen ersetzen können. In der Schweiz sind es meistens Stauseen, die für die Zwischenlagerung von Wasser genutzt werden. Im Alpenraum steht heute − dank der Gletscher und den hochalpinen Schneedecken − auch in Hitzeperioden noch genügend Wasser zur Verfügung. Doch was passiert, wenn gegen Ende dieses Jahrhunderts die Gletscher abgeschmolzen sein werden? Es braucht vermehrt multifunktionale Wasserspeicher, um den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen. Auch der Erfolg der Energiewende hin zu einer nachhaltigen Stromproduktion hängt von der Verfügbarkeit von Wasser ab. Aktuell liefert die Wasserkraft in der Schweiz über 50 Prozent der benötigten elektrischen Energie.

Ohne nationale Wasserstrategie keine Energiewende.

 

Kanton Wallis erprobt Wasserstrategie
Als einer der ersten Kantone hat der Kanton Wallis eine langfristige Wasserstrategie beschlossen. Ein Element davon ist der Wasserverbund, zu dem sich in der Region Crans-Montana-Sierre 13 Gemeinden zusammenschliessen wollen. Dabei steht der Speichersee Lac de Tseuzier im Mittelpunkt. Der Gletscher Pleine Morte hingegen wird bis 2085 verschwunden sein. Darum ist es wichtig, dass das Projekt bald gestartet wird. Gerade in dieser Region hat die Wasserkraft noch genügend Wachstumspotenzial und ist die wichtigste erneuerbare Energiequelle.
In Zukunft werden Trockenperioden immer häufiger. Das macht es notwendig, dass für die grossen landwirtschaftlichen Produktionsräume wie das westliche Mittelland, das Seeland oder das Broye-Murtensee-Gebiet Massnahmen getroffen werden, um sie während den Trockenperioden wirtschaftlich überlebensfähig zu halten.

Für eine überregionale Planung braucht es jedoch den politischen Willen für eine nationale Wasserstrategie, welche die Nutzung, Wasserzinsen, natürliche Seen und Speicherseen einschliesst. Gerade für die Berggebiete ist dies ein wichtiger Schritt, denn diese Gemeinden brauchen eine Budgetsicherheit.

Wasserkrise – globale Herausforderung
Bereits 2025 werden zwei Drittel der Weltbevölkerung unter Wasserstress leiden, denn Wasser ist eine unersetzliche Ressource. Verfügbarkeit, Bewirtschaftung und Zugang zu Sanitärversorgung und Hygiene sollte ein universelles Menschenrecht sein. Trotzdem hat jeder zehnte Mensch keinen Zugang zu sauberem Wasser und in vielen Ländern ist Wasser die Ursache für Instabilität und Konflikte. Ebenfalls ist eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit sehr wichtig, denn der in der Schweiz errechnete Wasserfussabdruck stammt zu 82 Prozent im Ausland.